Tenure Track: Der garantierte Weg zur Entfristung
Tenure Track bezeichnet einen verbindlich zugesagten Karriereweg, bei dem eine zunächst befristete Professur — typischerweise eine Juniorprofessur (W1) — nach positiver Evaluierung in eine unbefristete W2- oder W3-Professur überführt wird. Das Konzept stammt aus dem anglo-amerikanischen Hochschulsystem und wird in Deutschland seit den 2010er-Jahren verstärkt eingeführt. Es verspricht mehr Planungssicherheit und kürzere Qualifikationswege — hat aber auch Kritiker.
Definition: Was bedeutet Tenure Track?
Im Kern ist Tenure Track ein Versprechen: Wenn Sie in der Bewährungsphase bestimmte, vorab definierte Leistungskriterien erfüllen, erhalten Sie eine dauerhafte Professur an derselben Universität — ohne ein neues Berufungsverfahren durchlaufen zu müssen. Die Entfristung erfolgt durch eine positive Tenure-Evaluierung, die in der Regel am Ende der sechsjährigen Juniorprofessur stattfindet.
Entscheidend ist die Verbindlichkeit: Anders als bei einer Juniorprofessur ohne Tenure Track hat die Universität sich bei der Ausschreibung bereits verpflichtet, eine Dauerstelle bereitzuhalten. Die Überführung ist keine Kann-Regelung, sondern ein rechtlich einklagbarer Anspruch — sofern die Evaluierungskriterien erfüllt sind.
Tenure Track in Deutschland vs. USA
Obwohl der Begriff aus den USA stammt, funktioniert Tenure Track in Deutschland in einigen Punkten anders:
| Merkmal | USA | Deutschland |
|---|---|---|
| Einstiegsposition | Assistant Professor | Juniorprofessur (W1) |
| Tenure-Phase | 5–7 Jahre | 6 Jahre |
| Zielposition | Associate Professor (tenured) | W2 oder W3 |
| Ablehnungsquote | höher | niedriger |
| Voraussetzung | PhD + Postdoc | Promotion + ggf. Postdoc |
| Verbreitung | Standard an allen Research Universities | Wachsend, aber nicht flächendeckend |
| Habilitation | Nicht existent | Teilweise parallel erwartet |
Ein wesentlicher Unterschied: In den USA ist die Tenure-Entscheidung ein strenger Filter — wer durchfällt, verlässt in der Regel die Universität. In Deutschland ist die Ablehnungsquote bei Tenure-Evaluierungen bislang sehr niedrig. Kritiker sehen darin ein Zeichen mangelnder Ernsthaftigkeit; Befürworter argumentieren, dass die strenge Vorauswahl im Berufungsverfahren bereits den entscheidenden Filter darstellt.
Das Bund-Länder-Programm (1.000 Tenure-Track-Professuren)
Im Jahr 2016 beschlossen Bund und Länder gemeinsam das Programm zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Das Ziel: 1.000 zusätzliche Tenure-Track-Professuren an deutschen Universitäten zu schaffen. Das Programm wurde in zwei Runden ausgeschrieben:
- 1. Runde (2017): 468 Tenure-Track-Professuren an 34 Universitäten bewilligt
- 2. Runde (2019): 532 weitere Professuren an 57 Universitäten bewilligt
Der Bund stellt für das Programm insgesamt rund 1 Milliarde Euro bereit. Die Universitäten verpflichten sich im Gegenzug, die Tenure-Track-Professuren nach erfolgreicher Evaluierung dauerhaft aus eigenen Mitteln zu finanzieren. Das Programm hat den Tenure Track in Deutschland erheblich vorangebracht und das Bewusstsein für planbare Karrierewege in der Wissenschaft geschärft.
Evaluierungskriterien
Die Evaluierung am Ende der Tenure-Phase entscheidet über die Entfristung. Die Kriterien werden idealerweise bereits bei Stellenantritt in einer Tenure-Track-Vereinbarung festgelegt. Typische Bewertungsbereiche:
- Forschung: Publikationen (Anzahl, Qualität, Impact), eigenständiges Forschungsprofil, internationale Sichtbarkeit
- Drittmittel: Eingeworbene Drittmittel (Volumen und Herkunft: DFG, BMBF, EU), beantragte Projekte
- Lehre: Evaluationsergebnisse, betreute Abschlussarbeiten, Entwicklung neuer Lehrformate, Lehrdeputat-Erfüllung
- Nachwuchsförderung: Betreuung von Promovierenden, Aufbau einer eigenen Arbeitsgruppe
- Akademische Selbstverwaltung: Engagement in Gremien, Gutachtertätigkeit, Mitwirkung an Berufungskommissionen
- Transfer und Outreach: Wissenstransfer in die Gesellschaft, Medienarbeit, Patente
Die Evaluierung wird in der Regel von einer Kommission durchgeführt, die aus internen und externen Mitgliedern besteht. Externe Gutachten sind Standard. Das Verfahren dauert typischerweise 3–6 Monate.
W1 mit Tenure Track auf W2 oder W3
Die meisten Tenure-Track-Professuren in Deutschland starten als W1-Juniorprofessuren und werden bei positiver Evaluierung auf W2 oder W3 überführt:
- W1 → W2: Der häufigere Fall. Die Gehaltserhöhung von W1 auf W2 ist erheblich (konkrete Beträge nach Bundesland und Leistungsbezügen: siehe W2/W3-Besoldung).
- W1 → W3: Seltener und prestigeträchtiger. Kommt vor allem an forschungsstarken Universitäten und in Fächern vor, in denen W3-Professuren der Standard sind.
In einigen Bundesländern gibt es auch Modelle, bei denen erfahrene Postdocs direkt auf eine W2-Professur mit Tenure Track auf W3 berufen werden — ohne den Umweg über W1.
Erfolgsquoten
Belastbare Statistiken zu den Erfolgsquoten von Tenure-Track-Verfahren in Deutschland sind noch begrenzt, da viele Programme erst seit wenigen Jahren laufen. Erste Daten deuten auf folgende Größenordnungen hin:
- Positive Evaluierungen: Die große Mehrheit der Tenure-Track-Professuren besteht die Evaluierung — die Quote gilt als deutlich höher als in den USA.
- Vorzeitiges Ausscheiden: Ein kleinerer Teil verlässt die Stelle vor der Evaluierung — etwa weil sie einen Ruf an eine andere Universität erhalten oder in die Industrie wechseln.
- Negative Evaluierung: Bislang sehr selten. Es gibt allerdings Befürchtungen, dass Universitäten negative Evaluierungen scheuen, um rechtliche Auseinandersetzungen zu vermeiden.
Kritik und offene Fragen
Trotz der breiten politischen Unterstützung gibt es ernst zu nehmende Kritikpunkte am deutschen Tenure-Track-Modell:
- Inzucht-Problem: Wer über Tenure Track an der eigenen Universität bleibt, wechselt nie die Institution. Das widerspricht dem in Deutschland traditionell wichtigen Prinzip der Mobilität und kann zu wissenschaftlicher Einseitigkeit führen.
- Fehlende Standards: Es gibt keine bundeseinheitlichen Evaluierungskriterien. Was an der einen Universität für Tenure ausreicht, kann an einer anderen als unzureichend bewertet werden.
- Parallelsystem Habilitation: In manchen Fächern wird von Tenure-Track-Professoren erwartet, sich parallel zu habilitieren — der Tenure Track wird dann nicht als Alternative zur Habilitation gelebt, sondern als Ergänzung.
- Strukturelle Unterfinanzierung: Wenn das Bund-Länder-Programm ausläuft, müssen die Universitäten die Dauerstellen aus eigenen Mitteln finanzieren. Bei angespannter Haushaltslage ist fraglich, ob das überall gelingt.
- Ungleiche Verbreitung: Tenure Track konzentriert sich bislang auf größere Universitäten. Kleinere Hochschulen und Hochschulen für angewandte Wissenschaften profitieren kaum.
- Tenure-Track-Programm (Bund-Länder): BMBF / GWK — Quoten qualitativ gerahmt.
- Ämter/Status: Juniorprofessur (W1), Professur W1/W2/W3, W2/W3-Besoldung. W1 = Beamtenverhältnis auf Zeit, die entfristete W2/W3 = Lebenszeit mit Beamtenpension.
- Weiterer Kontext: Berufungsverfahren, Wie werde ich Professor?.
Häufige Fragen
Was bedeutet Tenure Track?
Tenure Track bezeichnet einen verbindlich zugesagten Karriereweg, bei dem eine zunächst befristete Professur — typischerweise eine Juniorprofessur (W1) — nach positiver Evaluierung in eine unbefristete W2- oder W3-Professur überführt wird. Die Überführung ist keine Kann-Regelung, sondern ein rechtlich einklagbarer Anspruch, sofern die Evaluierungskriterien erfüllt sind.
Wie unterscheidet sich Tenure Track in Deutschland von den USA?
In den USA ist die Einstiegsposition der Assistant Professor mit einer Tenure-Phase von 5–7 Jahren, in Deutschland die Juniorprofessur (W1) mit sechs Jahren. Die Ablehnungsquote bei Tenure-Evaluierungen ist in Deutschland bislang niedriger als in den USA.
Was ist das Bund-Länder-Programm für Tenure-Track-Professuren?
Bund und Länder beschlossen 2016 das Programm zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses mit dem Ziel, 1.000 zusätzliche Tenure-Track-Professuren zu schaffen. In der ersten Runde 2017 wurden 468 Professuren an 34 Universitäten und in der zweiten Runde 2019 weitere 532 an 57 Universitäten bewilligt; der Bund stellt insgesamt rund 1 Milliarde Euro bereit.
Welche Kriterien gelten bei der Tenure-Evaluierung?
Bewertet werden typischerweise Forschung, Drittmittel, Lehre, Nachwuchsförderung, akademische Selbstverwaltung sowie Transfer und Outreach. Die Evaluierung wird in der Regel von einer Kommission aus internen und externen Mitgliedern durchgeführt, externe Gutachten sind Standard, und das Verfahren dauert typischerweise 3–6 Monate.
Wie hoch sind die Erfolgsquoten beim Tenure Track?
Belastbare Statistiken sind noch begrenzt, da viele Programme erst seit wenigen Jahren laufen. Die große Mehrheit der Tenure-Track-Professuren besteht die Evaluierung, wobei die Quote als deutlich höher als in den USA gilt und negative Evaluierungen bislang sehr selten sind.
Welche Kritikpunkte gibt es am deutschen Tenure-Track-Modell?
Kritisiert werden unter anderem das Inzucht-Problem durch fehlenden Institutionswechsel, das Fehlen bundeseinheitlicher Evaluierungskriterien sowie das Parallelsystem Habilitation. Hinzu kommen die strukturelle Unterfinanzierung nach Auslaufen des Bund-Länder-Programms und die ungleiche Verbreitung, die sich bislang auf größere Universitäten konzentriert.